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Von Friedhöfen – ein Spurensuche-Kommentar

by Jakob on Oktober 9th, 2010

Dass wir Wiener eine sehr spezielle Beziehung zum Tod haben, ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Das “Gräberhupfen”, wie in meiner Familie liebenvoll der Friedhofsbesuch genannt wird, hat sich tief in uns festgesetzt. Schon als kleines Kind war ich mit meiner Großmutter oder Mutter am Wochenende häufig bei einem der zahlreichen Familiengräber. Es wurde Unkraut gezogen, Steine wurden geputzt, Blumen aufgestellt oder wieder abgeräumt und natürlich Kerzen angezündet. Der Friedhof in Wien ist nicht nur ein Ort der letzten Ruhestätte sondern auch ein Treffpunkt. Vor allem in den beiden Ortsfriedhöfen Stammersdorf und Großjedlersdorf, wo viele meiner Verwandten liegen, trafen wir fast immer irgendwelche Bekannten meiner Großmutter.

Vielleicht sind es diese frühkindlichen Erlebnisse, die dafür sorgen, dass ich noch heute mehrmals im Jahr zum “Gräberhupfen” ansetze. Dann stehe ich plötzlich an Gräbern von Urgroßeltern oder gar Ururgroßeltern, die ich nie kennengelernt habe, die aber auch für mich ein fester Bestandteil der Familie sind.

In Deutschland – so mein Eindruck – ist das ganz anders. Schon hier in Frankfurt habe ich in Diskussionen mit Freunden immer wieder feststellen müssen, dass Gräber nach meist 25 Jahren aufgelassen werden. Grabstein weg, Wiese drüber und das wars… Und zwar nicht vereinzelt, sondern zu fast 100%. Bei der Familie meiner Frau ist das nicht anders.
Während in Wien Gräber oft ähnlich vererbt werden wie sonstige Habseeligkeiten, ist man in Deutschland nicht so genau damit. Es ist ist einfach eine andere Totenkultur.

Aber was bedeutet das für die Ahnenforschung? Natürlich ist man als Familienforscher dazu geneigt, alle Gräber unbedingt stehen zu lassen. Sie sind ja ein wichtiges “Dokument” für spätere Generationen. Noch heute gibt es zum Beispiel Grabsteine aus der Antike. Gleichzeitig muss man aber auch die unterschiedlichen Kulturen akzeptieren. Nicht alle Welt kann Gräberhupfen so betreiben wie wir Wiener. So bleibt einem Familienforscher nur die noch vorhandenen Grabsteine möglichst umfassend zu dokumentieren, sprich zu fotografieren.

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