Beim letzten Ausmisten meiner Habseligkeiten in Wien ist mir eine gelbe Schnellheftmappe aus dem Jahr 1995 in die Hände gefallen, die ich schon ganz vergessen hatte. Anlässlich der 50 Jahr-Feier zum Ende des 2. Weltkriegs mussten wir für den Geschichtsunterricht eine Person aus unserer Verwandtschaft über den April 1945 befragen. Dafür bekamen wir einen kleinen Fragebogen. Mein späteres tiefes Interesse an der Ahnenforschung hat sich schon mit kindlichen 14 Jahren gezeigt: Ich habe gleich drei Personen befragt. Nämlich meine Großmutter, meinen Großvater und dessen Schwester. Jetzt, wo ich die Unterlagen das erste Mal seit über einem Jahrzehnt durchgelesen habe, fallen wir auch die Interviews selbst wieder ein. Das Gesicht meines Großvaters, den Kuchen bei Tante Bini und die Schilderungen meiner Großmutter.
Trotz der Knappheit mancher Antworten und das dann fehlende Nachhaken meinerseits, sind diese Interviews doch tolle familiengeschichtliche Dokumente.
Interview von Jakob Pumberger mit Dr. Johanna Kovacsevich (ca. April 1995)
Meine Großmutter erzählte uns Kindern oft vom Krieg, von den Bombennächten, den Tieffliegerangriffen und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Gesprächig wie sie war, erklärte sie sich auch sofort bereit die Fragen zu beantworten. Vor allem die Antwort auf die letzte Frage berührt mich heute in ihrer Deutlichkeit.
Wie alt warst Du im April 1945?
Ich war 21 Jahre alt.
Wo warst Du in diesem Zeitraum?
In Wien, Groß Jedlersdorf bzw. Stammersdorf. Zeitweise auch im 2. Bezirk im Lazarett 21A (heutiges Spital der Barmherzigen Brüder).
Wo hast Du gewohnt und mit wem?
Bei meinen Eltern in Groß Jedlersdorf
Warst Du in Kriegsgefangenschaft, wie ist es Dir dort ergangen?
Nein
Was hast Du gegessen und wie bist Du zu den Nahrungsmitteln gekommen?
Die Versorgungslage war bei uns nicht wirklich bedroht, da wir einen eigenen Bauernhof und ein eigenes Lebensmittelgeschäft hatten. Gegessen haben wir hauptsächlich Kartoffeln, Gemüse und Haferflocken.
Woher hattest Du die Kleidung, konntest Du sie wechseln?
Kleidung hatte ich von zu Hause. Wir hatten ausreichend. Allerdings wurde das Wohnhaus von den Russen verwüstet!
Hattest Du Kontakte zu Deiner Familie und Freunden in und außerhalb von Wien?
Der Kontakt war größtenteils vorhanden, da die Familie hauptsächlich in Wien war. Zu den Angehörigen an der Front bestand allerdings kein Kontakt.
Gab es noch Schulunterricht?
Nein. Studienbetrieb in Medizin war aber aufrecht; nur etwa 20 Hörer in meinem Semester.
Gab es noch Gas, Wasser, Strom und öffentliche Verkehrsmittel?
Nein, die Verbindung mit der Stadt war sehr schwer, weil fast alle Brücken eingestürzt waren – außer der Reichsbrücke.
Was war Deine Beschäftigung in den letzten Kriegsmonaten?
Studium der Medizin, Lazaretteinsatz – unmittelbar nach Kriegsende 3 Wochen versteckt.
Wo warst Du während der Bombenangriffe?
Im eigenen Luftschutzkeller (tiefer Weinkeller) und im Lazarett.
Wie waren Luftschutzkeller ausgerichtet?
z.B. gab es einen Durchbruch in den Nebenkeller (Fluchtmöglichkeit bei Verschüttung), Gasmasken. In großen Luftschutzkellern gab es Luftschutzwarte.
Gab es Bombeneinschläge und Zerstörungen in unmittelbarer Nähe? Wie wurden Brände gelöscht?
Ja, der Schweinestalle wurde getroffen und alle Schweine waren tot. Gelöscht wurde durch den Hausbrunnen.
Wurdest Du aus Wien oder einer andere Stadt evakuiert? Wenn ja, wohin?
Nein.
Kanntest Du jemanden, der in ein KZ gekommen ist und dort umgebracht wurde?
Ja.
Hattest Du jüdische Familienmitglieder oder jüdische Freunde?
Ja, Schulkollegen.
Warst Du bei der HJ (Hitlerjugend) oder dem Bund deutscher Mädchen?
Nein, aber im Arbeitsdienst (Bauernhof in Norddeutschland).
Sind Familienmitglieder ausgewandert?
Nein.
Hast Du zur Befreiung Wiens beigetragen?
Nein.
Hast Du bei der Verteidigung Wiens geholfen?
Nein.
Welches Verhältnis hattest Du zur Sowjetarmee?
Ich hatte Angst vor den Russen, Angst vor Vergewaltigung – deshalb habe ich mich die ersten 3 Wochen versteckt. Später bin ich als alte Frau verkleidet über die Reichsbrücke in die Stadt gegangen.
Gab es herausragende Erlebnisse mit der Besatzungsmacht?
Der erste Russe, der den Luftschutzkeller betrat, war sehr freundlich, stellte jedoch sofort die Frage: „Deutsche Soldat?“. Es gab nämlich Angehörige der Wehrmacht, die sich versteckt hielten. Es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine Kapitulationserklärung.
Wie hat Dein Wohngrätzl nach dem Krieg ausgesehen?
Sehr zerbombt.
Was hat Hitler in Deinem Leben bedeutet?
Den Verlust meiner schönster Jahre (16-22) in Freiheit und Frieden.
Interview von Jakob Pumberger mit Dr. Rudolf Kovacsevich (ca. April 1995)
Ich erinnere mich noch genau, mein Großvater war von der Qualität des Fragebogens alles andere als begeistert. Vielleicht auch, weil viele Fragen für seine Situation überhaupt nicht geeignet waren. Er erlebte das Kriegsende in Innsbruck und die Fragen beschränken sich oftmals auf die lokale Situation Wiens. Trotzdem sind manche Details in den Antworten enthalten, die ich so nicht mehr wusste.
Wie alt warst Du im April 1945?
24 Jahre alt.
Wo warst Du in diesem Zeitraum?
In Innsbruck.
Wo hast Du gewohnt und mit wem?
Gemeinsam mit einem Studienkollegen.
Warst Du in Kriegsgefangenschaft, wie ist es Dir dort ergangen?
Ja, drei Monate lang – schlecht.
Was hast Du gegessen und wie bist Du zu den Nahrungsmitteln gekommen?
Brot und Hülsenfrüchte – mit Marken.
Woher hattest Du die Kleidung, konntest Du sie wechseln?
Uniform – konnte nicht wechseln.
Hattest Du Kontakte zu Deiner Familie und Freunden in und außerhalb von Wien?
Nein.
Gab es noch Gas, Wasser, Strom und öffentliche Verkehrsmittel?
Ja, aber nur in Innsbruck.
Was war Deine Beschäftigung in den letzten Kriegsmonaten?
Studium.
Wo warst Du während der Bombenangriffe?
Im Stollen.
Wie waren Luftschutzkeller ausgerichtet?
Überhaupt nicht.
Gab es Bombeneinschläge und Zerstörungen in unmittelbarer Nähe? Wie wurden Brände gelöscht?
Sicher.
Wurdest Du aus Wien oder einer andere Stadt evakuiert? Wenn ja, wohin?
Bevölkerung wurde teilweise evakuiert. Ich selbst nicht.
Kanntest Du jemanden, der in ein KZ gekommen ist und dort umgebracht wurde?
Nein.
Hattest Du jüdische Familienmitglieder oder jüdische Freunde?
Ja.
Warst Du bei der HJ (Hitlerjugend) oder dem Bund deutscher Mädchen?
Freunde ja.
Sind Familienmitglieder ausgewandert?
Nein.
Hast Du zur Befreiung Wiens beigetragen?
Nein.
Hast Du bei der Verteidigung Wiens geholfen?
Nein.
Welches Verhältnis hattest Du zur Sowjetarmee?
Gar keines.
Gab es herausragende Erlebnisse mit der Besatzungsmacht?
Nein.
Wann und wie hast Du vom Kriegsende erfahren?
Aus dem Radio.
Wie hat Dein Wohngrätzl nach dem Krieg ausgesehen?
Das eigene Haus war zerstört.{jcomments on}
Was hat Hitler in Deinem Leben bedeutet?
Gar nichts!!



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